Frauenanteil (F/100 M) in Georgien
Frauenanteil in Georgien
Der Indikator Frauenanteil misst das Geschlechterverhältnis der Gesamtbevölkerung als Anzahl Frauen je 100 Männer. In Georgien liegt dieser Wert bei 110 Frauen je 100 Männer – ein moderater Frauenüberhang, der typisch für post-sowjetische Gesellschaften ist, aber weniger extrem als in den baltischen Staaten. Dieser Überschuss ist nicht das Ergebnis biologischer Anomalien, sondern das Abbild spezifischer historischer und sozialer Muster: Kriegsverluste, unterschiedliche Migrationsprofile und höhere männliche Sterblichkeit.
Ursachen des Frauenüberschusses
Das georgische Geschlechterverhältnis entsteht aus drei sich überlagernden Faktoren:
- Männliche Arbeitsmigration: Der wichtigste Treiber in der Gegenwart. Schätzungsweise 60–65 % der georgischen Arbeitsmigranten im Ausland sind männlich. Das International Organization for Migration (IOM Georgien, 2023) beziffert die Zahl der im Ausland lebenden Georgier auf rund 800.000 – mit einem deutlichen Männerüberhang besonders in den Hauptzielländern Russland (Baugewerbe), Türkei (Gastgewerbe, Bau) und Deutschland (Gesundheit, Handwerk).
- Höhere männliche Sterblichkeit: Die Lebenserwartung bei Geburt beträgt für georgische Frauen ca. 76 Jahre, für Männer ca. 69 Jahre – eine Differenz von 7 Jahren. Als Ursachen identifiziert das National Center for Disease Control and Public Health (NCDC Georgien) erhöhte kardiovaskuläre Mortalität bei Männern, höheren Alkohol- und Tabakkonsum sowie eine geringere Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen.
- Historische Kriegsverluste: Der Zweite Weltkrieg kostete Georgien schätzungsweise 300.000–350.000 Menschenleben – überwiegend männliche Soldaten (Georgien stellte 700.000 Soldaten für die Rote Armee). Diese historischen Verluste sind in den heute lebenden Altersgruppen 80+ noch spürbar.
Regionale Differenzierung
Das Geschlechterverhältnis variiert innerhalb Georgiens deutlich:
- Tiflis: Durch Binnenmigration und die Konzentration staatlicher Institutionen (mit tendenziell ausgeglichenerem Geschlechterverhältnis) liegt der Frauenüberhang in der Hauptstadt unter dem Landesdurchschnitt – schätzungsweise 105–108 Frauen je 100 Männer.
- Kachetien und Imereti: Ländliche Regionen mit starker männlicher Arbeitsmigration zeigen ausgeprägtere Frauenmehrheiten, besonders in der erwerbsfähigen Altersgruppe 25–44. In einigen Weinbaudörfern Kachetiens sind Frauen und Ältere die Hauptbevölkerungsgruppe während der Erntezeit.
- Adjara und Kvemo Kartli (muslimische Minderheiten): In diesen Regionen ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichener, da traditionellere Familienstrukturen die weibliche Arbeitsmigration begrenzen und die männliche Binnenmigration geringer ist.
- Altersgruppe 65+: Stark weiblich dominiert – bis zu 140 Frauen je 100 Männer in dieser Kohorte, bedingt durch die Sterblichkeitslücke und die historischen Verluste.
Gesellschaftliche Einordnung
Der Frauenüberhang spiegelt sich in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen wider. Im Bildungsbereich überwiegen Frauen bei den Hochschulabschlüssen: Geostat (2023) verzeichnet, dass rund 53 % der Hochschulabsolventen weiblich sind. Gleichzeitig besteht eine signifikante Diskrepanz beim Zugang zu Führungspositionen: Im Parlament sind nur rund 18 % der Sitze von Frauen besetzt, im Privatsektor liegt der Frauenanteil in Vorstandspositionen unter 15 %.
Die hohe männliche Arbeitsmigration hat eine Generation von „Migranten-Haushalten" geschaffen, in denen Frauen die wirtschaftliche und familiäre Verantwortung tragen. Rund 30 % der georgischen Haushalte werden von einer Frau als Hauptentscheidungsträgerin geführt (UNDP Georgien, 2022) – ein Wert, der höher ist als in vielen traditionell patriarchalisch geprägten Ländern der Region.
Für Expats relevant
Das Geschlechterverhältnis von 110 Frauen je 100 Männer ist im Alltagsleben nicht unmittelbar spürbar. Relevant wird es in spezifischen Kontexten: Im sozialen Umfeld in Tiflis ist die Gesellschaft nominell traditionell, aber faktisch stärker weiblich geprägt als das konservative Image vermuten lässt. Viele Geschäfte, NGOs und Bildungseinrichtungen werden von Frauen geführt. Im kulturellen Leben sind georgische Frauen als Unternehmerinnen, Ärztinnen und Akademikerinnen überproportional präsent – ein Erbe der sowjetischen Bildungsgleichstellung kombiniert mit post-sowjetischer wirtschaftlicher Notwendigkeit.
Fazit: Georgiens Frauenüberhang von 110 je 100 Männer ist das Ergebnis männlicher Arbeitsmigration, historischer Kriegsverluste und einer anhaltenden Lebenserwartungslücke. Im Alltag fühlt sich die Gesellschaft ausgewogener an als das statistische Bild – Tiflis bietet ein urban-kosmopolitisches Umfeld, in dem Geschlechterrollen moderner sind als in ländlichen Regionen.
Dieser Artikel wurde erstellt am 5. Mai 2026
Frauenanteil (F/100 M) — Globales Ranking ↗
| # | Land | Wert | Score |
|---|---|---|---|
| 1 | Lettland |
119 | 100 |
| 1 | Estland |
117 | 100 |
| 1 | Litauen |
116 | 100 |
| 1 | Ukraine |
116 | 100 |
| 1 | Belarus |
115 | 100 |
| 1 | Russland |
115 | 100 |
| 7 | Moldau |
112 | 89 |
| 8 | Georgien |
110 | 83 |
| 9 | Ungarn |
109 | 79 |
| 9 | Portugal |
109 | 79 |
| … | |||
| 225 | Kuwait |
67 | 1 |
| 225 | Bahrain |
66 | 1 |
| 225 | Katar |
55 | 1 |












